Dienstag, 29. Dezember 2015

Ketamin ein vielversprechendes Antidepressivum?

Ketamin -
chemische Struktur
Update (19.08.2016): Großangelegte goldstandard Studie zu Ketamin angelaufen

In letzter Zeit häufen sich Berichte zu Ketamin, und das nicht in einem negativen Kontext sondern
weil die Substanz großes medizinisches Potential zur Behandlung von Depressionen hat.

Ketamin wurde erstmals 1962 synthetisiert und wird seit den 70er Jahren als Anästhetikum eingesetzt. Es macht gleichermaßen schmerzunempflindlich sowie bewusstlos.

Ketamin als Droge 

Geringer dosiert wird Ketamin als Dissoziativum-Droge missbraucht. Dissotiativum bedeutet eine gefühlte Trennung von Körper und Geist. Ebenso kann es auch schon bei niedrigen Dosen zu Halluzinationen und außerkörperlichen Erfahrungen kommen. Oft kommt es zu dunklen, als negativ empfundenen Erlebnissen. Konsumenten bezeichnen Ketaminerfahrungen häufig als heftiger gegenüber LSD. Das sogenannte "K-Hole" ist ein Zustand in welchem man seine Umwelt zwar noch wahrnimmt, aber unfähig ist sich zu bewegen, da man sämltiche Kontrolle über seinen Körper verloren hat. Niedrig dosiert wird Ketamin auch als Partydroge konsumiert und gilt als "Farbwürze".

Der Wirkmechanismus

Ketamin hat mehrere Wirkmechanismen und nicht alle sind restlos aufgeklärt. Der wohl bedeutendste ist die Antagonisierung des NMDA-Rezeptors was zur Folge eine verminderte Ausschüttung des körpereigenen Neurotransmitters Acetylcholin (aktivierender Neurotransmitter) hat.

Warum Ketamin bei Depressionen

Als Antidepressivum macht Ketamin vor allem 2 Dinge interessant:

  • Der Wirkmechanismus unterscheidet sich von allen anderen Antidepressiva.
  • Die antidepressive Wirkung von Ketamin tritt noch am selben Tag ein. 

Bei fast ein Drittel aller Patienten versagt der erstmalige medikamentöse Therapieversuch einer Depression, und es dauert bis ein wirksames Medikament gefunden wird (Sofern eines gefunden wird und keine therapieresistente Depression vorliegt). Das Problem dabei ist dass herkömmliche Antidepressiva 3-6 Wochen(in welchen die Nebenwirkungen meist am stärksten sind) brauchen um zu wirken, weshalb fehlgeschlagene Therapieversuche mühsam und mit viel Leid verbunden sind. Ein sofortiges Einsetzen der Wirkung ist deshalb ein entscheidender Vorteil.

Ein völlig neuer Wirkmechanismus gibt außerdem Hoffnung bislang therapieresistente Depressionen erfolgreich behandeln zu können.

Studien und Untersuchungen bis jetzt

Doch wie kam man überhaupt darauf dass Ketamin antidepressiv wirken kann und was sagen die jüngst veröffentlichten Studien?

Der Mediziner John H. Krystal, MD untersuchte Ketamin im Zusammenhang mit schizophrenen Patienten und fand heraus dass Ketamin zwar nicht gegen Schizophrenie hilft, allerdings eine stimmungsaufhellende Wirkung hat, und zwar in geringen Dosen die nicht halluzinogen sind.

2006 kam es zur ersten systematischen Studie welche die Fachwelt aufhorchen ließ. 18 schwer Depressive bei welchen bereits mindestens fünf Therapieversuche mit herkömmlichen Antidepressiva nutzlos waren bekamen intravenös eine Dosis Ketamin verabreicht, mit diesen Folgen:

  • 71% der Patienten hatten am selben Tag eine Symptomverbesserung um 50%.
  • Am Folgetat hatte ein drittel der Patienten keine Symptome mehr einer Depression.
  • Bei einem drittel der Patienten hielt die Wirkung eine Woche an. 

Mittlerweile gibt es mehrere Studien mit ähnlichem Ausgang, ungefähr zwei Drittel aller Patienten springen auf die Therapie an, auch wenn andere Antidepressiva versagten. Auch bei akuter Suizidgefahr scheint Ketamin großes Potential zu haben.

Eine Metaanalyse von 2015 von acht randomisierten kontrollierten Studien bestätigte die Wirkung von Ketamin nach einmaliger Gabe zur sofortigen Behandlung uni- und bipolarer Depression. Nach einer weiteren Metaanalyse von 2015 führte eine einmaliger Gabe zu einer signifikanten Besserung über einen Zeitraum von mindestens 7 Tagen.Eine Übersicht von 2015 über 9 Einzelstudien zur Behandlung von insgesamt 137 Patienten mit Suizidgefährdung berichtete über eine schnelle Besserung (ab 40 Minuten) in jeder der 9 Einzelstudien.

Die Euphorie ist also berechtigt, allerdings ist noch unklar wie sich eine längere Behandlung auf den den Organismus auswirkt und welche Langzeitnebenwirkung eine Behandlung mit Ketamin mit sich bringt. Dafür braucht es noch weitere Untersuchungen und Studien.

Quellen, Studien und weiterführende Links:
http://ijnp.oxfordjournals.org/content/16/9/2111
http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=210856
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/42213
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3949142/
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/hup.2475/abstract;jsessionid=9251D0521666F6B0E4FF3962D8285005.f01t04
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40268-015-0081-0
https://clinicaltrials.gov/show/NCT01998958
https://clinicaltrials.gov/show/NCT00088699