Mittwoch, 4. Januar 2017

Opioide bzw. das Opioidsystem als Angriffsziel bei Depressionen?

In letzter Zeit wird vermehrt über das Opioidsystem des Menschen als mögliches Angriffsziel für die Behandlung von Depressionen diskutiert.
  
Die Gefährlichkeit der Opioide

Zuvor wurden Opioide (außer Körpereigene) fast ausschließlich als generell negativ auswirkend auf das Depressionsrisiko und erkrankten Personen beschrieben. Dies hat gute Gründe: Patienten die aufgrund von Schmerzen längere Zeit Opioide einnehmen haben ein stark erhöhtes Risiko (Größenordnung 25-50%) an Depressionen zu erkranken, gleiches gilt für Menschen die Opiode missbrauchen. Als mögliche Ursache könnte eine Abstumpfung des Belohnungssystems sein, was dazu führt, dass alltägliche Sachen die Glücksgefühle hervorrufen, wie zum Beispiel kleine persönliche Erfolge oder einfach nur gutes Essen, nicht mehr ausreichen die Stimmung positiv zu beeinflussen. Hinzu kommt das große psychische und physische Abhängigkeitspotenzial sowie die Gefahr der Überdosierung.

All dies führte dazu dass es als Tabu galt, über andere Einsatzgebiete von Opioide außer der Schmerztherapie zu diskutieren.

Warum das Opioidsystem trotzdem Potenzial hat

Der Grund warum Opioide trotzdem Potenzial zur Behandlung von Depressionen und eventuell anderen psychischen Erkrankungen haben, ist dass das Opiodsystem wesentlich komplexer ist als es auf den ersten Blick scheint. Therapieresistente Depressionen sind ein großes Problem, die wirksamsten Antidepressiva sind immer noch die ältesten (Trizyklische) und Wissenschaftler sowie Ärzte sind der Meinung, dass es neue Angriffsziele braucht. Es ist möglich dass bei Depressiven nicht die Monoamine bzw. deren Rezeptoren im Ungleichgewicht vorliegen, weshalb herkömmliche Antidepressiva nicht wirken, sondern ein anderes System wie zum Beispiel das Opioidsystem.

Es gibt 5 verschiedene Opioidrezeptoren (Proteine an denen Opiode andocken und eine Reaktion hervorrufen) mit weiteren Subgruppen. Unterschiedliche Opioide binden unterschiedlich stark (oder gar nicht) an diesen verschieden Rezeptoren. Auch die Wirkung der verschiedenen aktivierten Rezeptoren ist sehr Unterschiedlich und zum teil konträr. Auch führt nur die Aktivierung mancher Rezeptoren zur Sucht oder Atemdepression.

So wirken Dynorphine dysphorisch und Endorphine euphorisch. Beides sind körpereigene Opioide, Endorphine werden unter anderem bei körperlicher Belastung ausgeschüttet und sind zum Beispiel für das "Runners High" verantwortlich. Die Funktionen mancher Opioid-Rezeptoren aber auch körpereigener Opioide sind zum Teil allerdings noch kaum erforscht. Es gibt allerdings bereits Studien dass Depressive mit Suizidgedanken vom Opioid Buprenorphin profitieren könnten. Buprenorphin blockt den Opiod-Rezeptor der für Dysphorie verantwortlich ist und wirkt nur schwach auf den Euphorie (µ) Rezeptor. Dadurch kann die Atmung nur bis zu einem gewissen Grad geschwächt werden was des Medikament sicherer macht.

Fazit

Es wäre gut möglich dass eine Störung des Opioidsystems eine Depression zur Folge haben kann. Bei Borderline Patienten wurde Abnormalitäten der Opioidrezeptoren festgestellt. Auch wurden bereits Opioide entwickelt die nicht abhängig machen und keinen "kick" verursachen. Deshalb und aufgrund der Dringlichkeit andere Antidepressiva zu finden sollte die Opioidforschen außerhalb des Schmerzbereichs nicht als Tabu-Thema gelten.

Dienstag, 20. September 2016

Das Beruhigungsmittel Menthylisovalerat (Validolum)

Chemische struktur des natürlich
Vorkommenden Menthylisovalerat.
Menthylisovalerat kommt natürlich in Pfefferminzöl vor und wird in der Lebensmittelindustrie als Aromastoff verwendet. Als Lutschtabletten soll Menthylisovalerat (auch Validolum, Validol, Valofin, Menthoval)Handelsnamen: ) beruhigende, sedierende und schlaffördernde Eigenschaftn haben. Die Lutschtabletten sind in Europa rezeptfrei in der Apotheke zu erhalten, wenn auch wenig
verbreitet. Häufiger wird Methylisovalerat in Russland verwendet und verschrieben.

 Wirkmechanismus und Einnahme

Als Wirkmechanismus wird eine Freisetzung von Endorphinen und Enkephalinen diskutiert (das sind körpereigene Opioide). Die Wirkung wird als subtil aber schnell eintretend  (innerhalb von Minuten) beschrieben. Dosierung und Einnahmeform sind 60-120mg sublingual.



Donnerstag, 8. September 2016

Legalität von Phenibut (NpSG und PSA2016)

Die potente angstlösende Substanz Phenibut war bis vor kurzem ohne weiteres unter anderem in Deutschland und England als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Dies könnte sich bald mit dem "Neuen psychoaktiven Substanzen Gesetz" (kurz NpSG - in Deutschland, tritt frühesens am 18.09.2016 in Kraft) beziehungsweise mit dem "Psychoactive Substances Act 2016" (in England) ändern.

Während Phenibut im PSA2016 explizit angeführt ist und somit nicht mehr in England vertrieben wird, bleibt abzuwarten ob Phenibut auch unter das NpSG fällt, einige Händler haben aber bereits reagiert und die Substanz sicherheitshalber aus ihrem Sortiment entfernt.

Quelle:
http://www.legislation.gov.uk/ukpga/2016/2/contents/enacted#top
http://www.bmg.bund.de/ministerium/meldungen/2016/npsg-kabinett.html

Mittwoch, 7. September 2016

Pregabalin/Lyrica Einnahme während Schwangerschaft und erhöhtes Risiko für Geburtsfehler

Tierstudien wiesen bereits darauf hin dass eine Einnahme von Pregabalin (Markenname Lyrica) während der Schwangerschaft zu Geburtsfehlern führen kann. Auch findet sich seit Markteinführung der Hinweis im Beipackzettel dass Frauen die Pregabalin einnehmen verhüten müssen.

Eine multinationale Studie mit 164 werdenden Mütter die Pregabalin in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten einnahmen hat diesen Verdacht nun erhärtet. Schwangerschaften in Zusammenhang mit einer Pregabalineinnahme hatten ein 3-fach höheres Risiko (6%) auf einen Geburtsfehler im vergleich zu Schwangerschaften ohne Pregabalin Einnahme (2,1%).

Es werden aber weiter Studien benötigt da durch diese Studie nicht bewiesen ist dass Lyrica wirklich für die vermehrten Geburtsfehler verantwortlich ist. Einerseits ist die Teiln
ehmeranzahl zu gering, andererseits könnten auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Zum Beispiel hatten mehr Mütter aus der Lyrica Gruppe medizinische Probleme, auch die Krankheit selbst mit der Lyrica behandelt wurde könnte eine Rolle spielen.

Quelle
http://www.medscape.com/viewarticle/863773

Freitag, 19. August 2016

Ketamin als Antidepressivum - Großangelegte "Goldstandard-Studie" gestartet

Erkenntnisse bis jetzt

Schon länger wird über das antidepressive Potenzial von Ketamin geforscht, bis jetzt konnten Studien zeigen dass eine einmalige Gabe von Ketamin einen kurzfristigen (einige Tage) aber sofort eintretenden antidepressiven Effekt hat.

Siehe: Informationen zu Ketamin und bisher veröffentlichten Studien

Die neue Studie nach Goldstandard

Jetzt wird die Sache ernst und das Potenzial einer langfristigen Therapie untersucht: In Australien und Neuseeland ist eine multizentrische (getestet wird an 7 Instituten) Studie angelaufen, die anhand von 200 Probanden ermitteln soll wie gut der antidepressive Effekt von Ketamin im Vergleich zu einem Placebo langfristig ist.

Im Vergleich zu früheren Studien ist diese größer angelgt und doppeblind randomisiert ("Goldstandard", weder Patienten noch Ärzte wissen ob ein Placebo oder Ketamin verabreicht wird). Außerdem erhalten die Patienten nicht einmalig sondern regelmäßige Dosen. Die Dauer der Studie beträgt 3 Jahre.

Professor Colleen Loo, einer der Leiter der Studie erhofft sich von der Studie eine Evidenz der Wirksamkeit von Ketamin und eine Ausarbeitung von Therapieguidelines. Auch führt er an dass es bereits Ärzte gäbe die off-label Ketamin depressiven Patienten verabreichen, im Falle von Problemen aber nicht wissen wie sie agieren sollen da sie sich auf experimentellen Terrain befinden.

Tatsache ist dass bis jetzt nicht bewiesen ist ob Depressive langfristig von einer Ketamin Therapie profitieren, weiters ist unklar welche Nebenwirkungen eine langfristige Therapie zur Folge hat. Man erhofft sich nun Antworten durch diese Studie zu erhalten.

Quelle
http://newsroom.unsw.edu.au/news/health/australia%E2%80%99s-largest-trial-ketamine-treat-depression-begins

Donnerstag, 4. August 2016

Studie: Psilocybin wirksam bei therapieresistenten Depressionen

Hintergrund

Patienten mit einer therapieresistenten Depression stellen Ärzte vor eine große Herausforderung.
Ungefähr jeder fünfte Patient springt nicht  auf die Behandlung mit Antidepressiva und kognitiver Verhaltenstherapie an und das Testen neuer Therapieschema ist langwierig (Antidepressiva brauchen bis zu 6 Wochen um zu wirken, gerade diese Zeit ist häufig von starken Nebenwirkungen geprägt). Aus diesem Grund werden schon lange Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen herbeigesehnt. Die bislang wirksamsten Antidepressiva sind zugleich auch die ältesten Antidepressiva mit den meisten Nebenwirkungen: die trizyklischen Antidepressiva. Auch ist der Wunsch nach neuen Wirkstoffen groß, die schneller wirken als bisher etablierten Antidepressiva.

Die Studie

Eine Studie des Imperial College London bringt nun Hoffnung auf eine Behandlungsalternative. Der altbekannte Wirkstoff Psilocybin (die halluzinogene Substanz in Magic Mushrooms der Pilzgattung Psilocybe) erwies sich als vielversprechend. Psilocybin wirkt als partieller Agonist an Serotoninrezeptoren (vor allem am 5-HT2A Rezeptor).

Zwölf Patienten die schon lange an Depressionen litten (im Schnitt 18 Jahre) und bereits mindestens zwei medikamentöse Therapien ohne Erfolg hinter sich hatten wurden zuerst 10 mg Psilocybin verabreicht, und eine Woche darauf 25 mg Psilocybin. Während der Einnahme und Wirkung wurden die Patienten von zwei Psychiatern betreut. Der psychische Zustand der Patienten wurde in regelmäßigen Abständen nache der Gabe des Psilocybin untersucht.

Ergebnisse
  • Nach einer Woche hatten sich die Symptome bei sämtlichen Patienten verbessert. 
  • Nach drei Monaten hatten sich die Symptome bei 7 von 12 Patienten weiter verbessert, 5 von 12 Patienten erlitten eine Remission (fielen wieder in eine Depression zurück).
  • Die Nebenwirkungen wurden bei sämtlichen Patienten als gering und maximal auf die Dauer der initialen Wirkung (ca. 6 Stunden) beschränkt beschrieben. Dazu gehörten: Unwohlsein, Aufregung, leichte Paranoia und Verwirrung.
Die Autoren der Studie kommen zum Schluss dass Psilocybin vielversprechend ist und weiter untersucht werden sollte. Ein besonderer Vorteil sei der schnelle Wirkungseintritt. Allerdings führen sie auch an dass 3 Monate Beobachtungszeitraum kurz für eine langfristige Krankheit wie die Depression sei. Zusätzlich müsse man beachten dass das Setting (intensive Betreuung durch 2 Psychiater) und die Erwartungshaltung möglicherweise eine zentrale Rolle bei der Studie spielten.

Quelle
http://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(16)30065-7/abstract

Mittwoch, 4. Mai 2016

Depression - wortwörtlich eine graue Welt

Man liest sehr oft von der Farbe Grau im Zusammenhang mit Depressionen. Dabei ist dies wohl meist im übertragenen Sinne gemeint, die Farbe Grau gilt als trist und trostlos. Wissenschaftler konnten aber beweisen dass Depressive die Welt tatsächlich "grauer" wahrnehmen als gesunde Menschen. Forscher konnten zeigen dass Depressive Kontraste wesentlich schlechter wahrnehmen.  Weiters gelang es sogar ziemlich gut Depressive und gesunden Menschen nur anhand eines Sehtests voneinander unterscheiden. Interessanterweise war auch bei medikamentös behandelten Patienten die Kontrastwahrnehmung stark verschlechtert.

Mit einer Art Retina-EKG konnten die Forscher das Retina-Potenzial der Probanden messen. Wenn die Probanden auf ein Schachbrett sahen, war 2μV ein relativ zuverlässiger Schwellenwert der Depressive von nicht Depressiven unterscheidet.

"So lagen die gemessenen Potenziale bei 37 der 40 Gesunden über diesem Wert, nur bei drei lagen sie darunter. Die Spezifität betrug damit 93 Prozent. Von den 40 Depressiven zeigten 31 Patienten Amplituden unter dem Schwellenwert, neun lagen darüber. Die Sensitivität lag damit bei knapp 78 Prozent."

Die Forscher führten weiter aus dass sich auch der Therapie erfolg mittels Retina-Ekg ermittel lässt. Je stärker eine Depression ausgeprägt umso schlechter die Kontrastwahrnehmung und umgekeht.

Quelle
aerztezeitung.de