Freitag, 19. August 2016

Ketamin als Antidepressivum - Großangelegte "Goldstandard-Studie" gestartet

Erkenntnisse bis jetzt

Schon länger wird über das antidepressive Potenzial von Ketamin geforscht, bis jetzt konnten Studien zeigen dass eine einmalige Gabe von Ketamin einen kurzfristigen (einige Tage) aber sofort eintretenden antidepressiven Effekt hat.

Siehe: Informationen zu Ketamin und bisher veröffentlichten Studien

Die neue Studie nach Goldstandard

Jetzt wird die Sache ernst und das Potenzial einer langfristigen Therapie untersucht: In Australien und Neuseeland ist eine multizentrische (getestet wird an 7 Instituten) Studie angelaufen, die anhand von 200 Probanden ermitteln soll wie gut der antidepressive Effekt von Ketamin im Vergleich zu einem Placebo langfristig ist.

Im Vergleich zu früheren Studien ist diese größer angelgt und doppeblind randomisiert ("Goldstandard", weder Patienten noch Ärzte wissen ob ein Placebo oder Ketamin verabreicht wird). Außerdem erhalten die Patienten nicht einmalig sondern regelmäßige Dosen. Die Dauer der Studie beträgt 3 Jahre.

Professor Colleen Loo, einer der Leiter der Studie erhofft sich von der Studie eine Evidenz der Wirksamkeit von Ketamin und eine Ausarbeitung von Therapieguidelines. Auch führt er an dass es bereits Ärzte gäbe die off-label Ketamin depressiven Patienten verabreichen, im Falle von Problemen aber nicht wissen wie sie agieren sollen da sie sich auf experimentellen Terrain befinden.

Tatsache ist dass bis jetzt nicht bewiesen ist ob Depressive langfristig von einer Ketamin Therapie profitieren, weiters ist unklar welche Nebenwirkungen eine langfristige Therapie zur Folge hat. Man erhofft sich nun Antworten durch diese Studie zu erhalten.

Quelle
http://newsroom.unsw.edu.au/news/health/australia%E2%80%99s-largest-trial-ketamine-treat-depression-begins

Donnerstag, 4. August 2016

Studie: Psilocybin wirksam bei therapieresistenten Depressionen

Hintergrund

Patienten mit einer therapieresistenten Depression stellen Ärzte vor eine große Herausforderung.
Ungefähr jeder fünfte Patient springt nicht  auf die Behandlung mit Antidepressiva und kognitiver Verhaltenstherapie an und das Testen neuer Therapieschema ist langwierig (Antidepressiva brauchen bis zu 6 Wochen um zu wirken, gerade diese Zeit ist häufig von starken Nebenwirkungen geprägt). Aus diesem Grund werden schon lange Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen herbeigesehnt. Die bislang wirksamsten Antidepressiva sind zugleich auch die ältesten Antidepressiva mit den meisten Nebenwirkungen: die trizyklischen Antidepressiva. Auch ist der Wunsch nach neuen Wirkstoffen groß, die schneller wirken als bisher etablierten Antidepressiva.

Die Studie

Eine Studie des Imperial College London bringt nun Hoffnung auf eine Behandlungsalternative. Der altbekannte Wirkstoff Psilocybin (die halluzinogene Substanz in Magic Mushrooms der Pilzgattung Psilocybe) erwies sich als vielversprechend. Psilocybin wirkt als partieller Agonist an Serotoninrezeptoren (vor allem am 5-HT2A Rezeptor).

Zwölf Patienten die schon lange an Depressionen litten (im Schnitt 18 Jahre) und bereits mindestens zwei medikamentöse Therapien ohne Erfolg hinter sich hatten wurden zuerst 10 mg Psilocybin verabreicht, und eine Woche darauf 25 mg Psilocybin. Während der Einnahme und Wirkung wurden die Patienten von zwei Psychiatern betreut. Der psychische Zustand der Patienten wurde in regelmäßigen Abständen nache der Gabe des Psilocybin untersucht.

Ergebnisse
  • Nach einer Woche hatten sich die Symptome bei sämtlichen Patienten verbessert. 
  • Nach drei Monaten hatten sich die Symptome bei 7 von 12 Patienten weiter verbessert, 5 von 12 Patienten erlitten eine Remission (fielen wieder in eine Depression zurück).
  • Die Nebenwirkungen wurden bei sämtlichen Patienten als gering und maximal auf die Dauer der initialen Wirkung (ca. 6 Stunden) beschränkt beschrieben. Dazu gehörten: Unwohlsein, Aufregung, leichte Paranoia und Verwirrung.
Die Autoren der Studie kommen zum Schluss dass Psilocybin vielversprechend ist und weiter untersucht werden sollte. Ein besonderer Vorteil sei der schnelle Wirkungseintritt. Allerdings führen sie auch an dass 3 Monate Beobachtungszeitraum kurz für eine langfristige Krankheit wie die Depression sei. Zusätzlich müsse man beachten dass das Setting (intensive Betreuung durch 2 Psychiater) und die Erwartungshaltung möglicherweise eine zentrale Rolle bei der Studie spielten.

Quelle
http://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(16)30065-7/abstract

Mittwoch, 4. Mai 2016

Depression - wortwörtlich eine graue Welt

Man liest sehr oft von der Farbe Grau im Zusammenhang mit Depressionen. Dabei ist dies wohl meist im übertragenen Sinne gemeint, die Farbe Grau gilt als trist und trostlos. Wissenschaftler konnten aber beweisen dass Depressive die Welt tatsächlich "grauer" wahrnehmen als gesunde Menschen. Forscher konnten zeigen dass Depressive Kontraste wesentlich schlechter wahrnehmen.  Weiters gelang es sogar ziemlich gut Depressive und gesunden Menschen nur anhand eines Sehtests voneinander unterscheiden. Interessanterweise war auch bei medikamentös behandelten Patienten die Kontrastwahrnehmung stark verschlechtert.

Mit einer Art Retina-EKG konnten die Forscher das Retina-Potenzial der Probanden messen. Wenn die Probanden auf ein Schachbrett sahen, war 2μV ein relativ zuverlässiger Schwellenwert der Depressive von nicht Depressiven unterscheidet.

"So lagen die gemessenen Potenziale bei 37 der 40 Gesunden über diesem Wert, nur bei drei lagen sie darunter. Die Spezifität betrug damit 93 Prozent. Von den 40 Depressiven zeigten 31 Patienten Amplituden unter dem Schwellenwert, neun lagen darüber. Die Sensitivität lag damit bei knapp 78 Prozent."

Die Forscher führten weiter aus dass sich auch der Therapie erfolg mittels Retina-Ekg ermittel lässt. Je stärker eine Depression ausgeprägt umso schlechter die Kontrastwahrnehmung und umgekeht.

Quelle
aerztezeitung.de

Dienstag, 3. Mai 2016

Was wurde eigentlich aus XBD-173?

XBD-173 (heute Emapunil) ist der Name einer Substanz die zwischen 2004-2010 für viele Publikationen sorgte und sehr großes Potenzial zur Behandlung von Angststörungen versprach.

Der Wirkmechanismus läuft auf eine verstärkte Aktivität des GABA-A Rezeptors hinaus, unterscheidet sich aber von dem der Benzodiazepine. Das target von XBD-173 ist das Protein TSPO, welches an der äußeren Mitochondrienmembran vorliegt. Dies verstärkt die Bildung von Neurosteroiden welche wiederum die Aktivität des GABA-A Rezeptors verstärken.

Ersten Studien zufolge soll XBD-173 eine Wirkung ähnlich der von potenten anxiolytischen Benzodiazepinen haben (zum Beispiel Alprazolam) aber dabei keinerlei Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Sucht und Toleranz verursachen. Das Interesse an einer solchen Substanz wäre rießig, Benzodiazepine gelten aufgrund der Sucht und Toleranzproblematik nur mehr als Übergangslösungen. Doch was wurde aus der Substanz, seit 2010 hört man nur mehr vereinzelt Gerüchte.

Die Substanz wurde am Max-Planck-Institute entwickelt. Dann übernahm Novartis die Entwicklung, sowie ein japanischer Kooperationspartner (Dainippon Sumitomo Pharma). 2006 wurden gleich drei Phase 2 Studien ohne Fortsetzung beendet [1]. Die Gründe dafür sind anscheinend nicht öffentlich. 2009 wiederum erschien in Science eine Publikation welche die Erwartungen erneut hochschraubte [2]. Der korrespondierende Autor der Studie, Rupprecht Rainer, sowie Novartis bestätigen allerdings auf Anfrage dass XBD-173 derzeit nicht weiter untersucht wird. Über die Gründe kann bislang nur spekuliert werden.

Quellen
[1] http://adisinsight.springer.com/drugs/800013611
[2] http://science.sciencemag.org/content/325/5939/490

Dienstag, 26. April 2016

Studie: Omega-3-Fettsäure Supplementation vorteilhaft bei Depressionen

Omega-3-Fettsäuren sind unter anderem
 in Fischölen, Leinsamen und Walnüssen
reichlich enthalten.
In der Vergangenheit haben bereits einige Studien aufgezeigt dass eine Supplementation mit Omega-3-Fettsäuren sich möglicherweise positiv auf Depressionen auswirkt [1]. Dieser Verdacht wurde jetzt durch eine Metastudie mit über tausend Probanden erhärtet. Die Studie wurde im Translational Psychiatry publiziert [2].

Es konnte auch gezeigt werden dass die eingenommen Dosis von Omega-3-Fettsäuren maßgeblich für die Wirkung ist. Demnach führten höhere Dosen zu einem größeren positiven Effekt. Auch war der positive Effekt bei mit Antidepressiva behandelte Patienten größer. Zukünftige wissenschaftliche Arbeiten könnte sich deshalb damit auseindersetzen welcher Wirkmechanismus Omega-3-Fettsäuren zu Grunde liegt und ob sie spezifisch die Wirkung von bestimmten Antidepressiva steigern.

Quellen
[1] http://foodforthebrain.org/media/229739/02.pdf
[2] http://www.nature.com/tp/journal/v6/n3/full/tp201629a.html

Donnerstag, 31. März 2016

Studie: Konsum von Social Media korreliert mit Häufigkeit von Depressionen

Der Konsum von Social
Media nimmt in allen
Alterssschichten rasant zu.
Erstmals wurde der Zusammenhang von Social Media Konsum und Depression in einer groß angelegten Studie untersucht. Die Studie wurde von der University of Pittsburgh School of Medicine in Pennsylvania durchgeführt und im Journal Depression and Anxiety veröffentlicht. (Link)

Dabei wurde ein linear Zusammenhang gefunden: Je mehr Zeit junge Erwachsene mit Social Media verbringen umso höher das Risiko an einer Depression zu erkranken.

Eckdaten 

Die Studie wurde an 1,787 jungen Erwachsenen durchgeführt, im Alter von 19-32. Die Teilnehmer wurden auf ihr Social Media Verhalten und auf Depressionen untersucht. Es wurde erhoben wie lange und wie häufig die Probanden auf den elf beliebtesten Social Media Seiten (Facebook, YouTube, Twitter, Google Plus, Instagram, Snapchat, Reddit, Tumblr, Pinterest, Vine and LinkedIn.) am Weg sind.

Ergebnis

Durchschnittlich verbrachten die Probanden 60 Minuten pro Tag auf Social Media Seiten. In der Woche besuchten sie durchschnittlich 30 mal ihre entsprechenden Accounts. Ziemlich linear verhält sich folgender Zusammenhang: Wer mehr Zeit mit Social Media verbringt hat ein erhöhtes Risiko an einer Depression zu erkranken. Die Gruppe an Probanden die Facebook und co. am meisten verwenden haben sogar ein 2,7-fach höheres Risiko wie jene die es am wenigsten verwenden.

Gründe unklar

Wichtig ist dass sich daraus nicht zwangsläufig ableiten lässt dass mit dem Social Media Konsum das Depressionsrisiko steigt. Es wäre zum Beispiel auch möglich dass sich zu Depressionen neigende Leute vermehrt ins Web zurückziehen. Die Studie gibt also noch keine Begründung für den Sachverhalt.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Das "Nahrungsergänzungsmittel" Phenibut

Phenibut als Supplement
von der Firma
GN Laboratories
Seit längerer Zeit wird in Europa und den USA Phenibut als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Dabei soll es Stress reduzieren, Ängste lösen und Schlafproblemen beseitigen, hinzu soll es nicht die Leistungsfähigkeit einschränken. Doch um was für eine Substanz handelt es sich eigentlich und sind die Versprechungen wahr? Und sollte Phenibut frei vertrieben werden dürfen oder birgt der Konsum ohne ärztliche Kontrolle große Risiken?

Welche Chemie und Wirkung steckt hinter Phenibut

Phenibut ist von der chemischen Struktur her ident mit GABA, es hängt aber in Position 3 noch ein Phenylrest. Dieser Phenylrest scheint dafür verantwortlich zu sein dass die Verbindung hauptsächlich auf den GABA-B Rezeptor als Agonist wirkt, außerdem macht er die Verbindung lipophil weshalb sie die Bluthirnschranke überwinden kann. Somit ist es vom Wirkmechanismus ähnlich dem Baclofen(welches sich lediglich durch ein Chloratom am Phenylrest von Phenibut unterscheidet) und nicht den Bezodiazepinen oder Alkohol, die als GABA-A Modulator/Agonist wirken.

Der GABA-B Rezeptoraktivität wird nachgesagt dass sie eine ähnlich beruhigende und angstlösende Wirkung wie GABA-A Aktivität auslöst, aber nicht Leistungseinbußen (Verwirrtheit, Konzentrationsstörungen, Schwindel und Benommenheit) verursacht. Dies könnte darauf zurückzuführen sein dass der Schlafmechanismus in Verbindung mit GABA-A Rezeptoren aber nicht mit GABA-B Rezeptoren steht. Die Schlafprobleme würden demnach gelöst werden da Ängste unterdrückt werden, aber nicht der Schlafmechanismus selbst in Gang gesetzt wird. Allerdings herrscht Uneinigkeit darüber ob, in welchem Ausmaß und ab welchen Dosen Phenibut auch an GABA-A Rezeptoren agonistisch wirkt.

Auch sorgt der Phenylrest dafür dass die Wirkung nur sehr langsam eintritt aber auch sehr langsam wieder abflaut. So tritt die Wirkung oft erst nach bis zu 4 Studen ein, dauert aber 12 und mehr Stunden an.

Da Phenibut sehr sauer ist wird es nur resorbiert wenn der Magen ebenfalls sehr sauer ist, da es dann zum Teil ungeladen vorliegt und durch die Epithelzellen in die Blutbahn diffundieren kann. Der Magen ist im nüchternen Zustand am sauersten, das heißt um eine Wirkung zu verspüren muss Phenibut auf leeren Magen genommen werden.

Geschichte und Verwendung von Phenibut

Phenibut wurde in der Sowjetunion entwickelt und unter anderem den Astronauten beim  Apollo-Sojus-Test-Projekt mitgegeben, für den Fall dass bei den Astronauten Ängste auftreten, die Astronauten aber einsatzfähig bleiben müssen. Seitdem wird Phenibut bis heute in einigen ehemaligen Staaten der Sowjetunion bei vielen psychsichen Krankheiten eingesetzt. Unter anderem bei:
  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Stottern und Tickstörungen
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Alkoholkrankheit (Entzug) 
Konsumenten beschreiben die Wirkung häufig als vergleichbar mit einem niedrig dosierten Benzodiazepin. Manche Konsumenten berichten allerdings durchaus von Leistungseinbußen in Form von Müdigkeit, während andere sogar eine leicht aufputschende Wirkung beschreiben. Es hängt wohl von der individuellen Konstitution und der Dosierung ab.

Dosierung und Einnahme von Phenibut

Die allgemeinen Dosierempfehlungen reichen von 500mg bis 1500mg, 1-3 mal täglich, wobei insgesamt täglich nicht mehr als 2000mg eingenommen werden sollten. Die Kapseln sollten mit viel Wasser (300ml und mehr) eingenommen werden.

Gefahren von Phenibut

Phenibut birgt aber auch eine große Gefahr der Abhängigkeit, bereits nach einer kurzen Behandlungsdauer von einer Woche können eine physische sowie psychische Abhängigkeit entstehen. Phenibut sollte also wenn nur sporadisch eingenommen werden auch wenn Hersteller mit ihren Empfehlungen etwas laxer sind(z.B.: GN Laboratories: Maximal 5 Tage in Folge ohne zweitägie Pause). Der Entzug wird allgemein als heftig beschrieben, mit unter anderem folgenden Symptomen:
  • Zittern
  • Angst
  • Schlafstörungen
  • Krämpfe
Obendrein kann Phenibut bei längerer Konsumdauer und/oder höheren Dosen die Leber schädigen, weshalb in Osteuropa und Russland bei einer Behandlung die Leberwerte überprüft werden. Außerdem können aufgrund der stark sauren Eigenschaft Probleme im Magen-Darm-Trakt auftreten, wie zum Beispiel in Form einer Gastritis.

Fazit

Bei Phenibut handelt es sich also um eine durchaus potente aber auch gefährliche Substanz welche frei erworben werden kann. Eine Selbstmedikation mit Phenibut bei einer psychsichen Erkrankung ist nicht zu empfehlen. Bei leichten Stimmungstiefs oder Schlafproblemen sollte man zu Allgemeinmaßnahmen(Sport, Schlafhygiene, Ernährung usw.) und/oder Phytopharmaka greifen, bei ernsten Problemen einen Arzt aufsuchen.